Meine Freundin hat die Vegi-Bibel „Tiere Essen“ von
Jonathan Safran Foer zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich glaube niemand hat
dieses Buch jemals selbst gekauft. Es ist nur dafür geschrieben worden, damit
es böse Menschen zum Geburtstag verschenken können, um damit das Leben ihrer
Freunde zu ruinieren.
„Dieser blöde Safran Foer mit seinem bescheuerten
Namen wird mich nicht überzeugen, Vegetarier zu werden, ich esse gerne Fleisch
und das wird auch so bleiben“, sagt meine Freundin zu mir, als sie das Buch
aufschlägt. Dann beginnt sie zu lesen. Am nächsten Tag ist sie Vegetarierin.
Sie würde höchstens noch Fleisch von glücklichen Rindern oder Schweinen essen,
die Namen wie Grunzi oder Eberhard tragen, eines natürlichen Todes gestorben
sind, nach drei Wiederbelebungsversuchen von vier verschiedenen Veterinärärzten
für endgültig Tod erklärt wurden und vorher bei vollem Bewusstsein eine Art Organspendeausweis
für Tiere unterschrieben haben, dass Menschen sie unter Umständen essen dürfen,
wenn ihr Leben davon abhinge.
„Isst du jetzt nur noch Safran-Reis, nach dem du das
Safran-Foer-Buch gelesen hast“, frage ich meine Freundin und lächle sie hämisch
an, als wir am reichhaltig mit Fleischspeisen gedeckten Frühstückstisch sitzen.
„Mein lieber Comedian-Freund“, sagt sie, „weißt du
eigentlich, dass Hennen in Legebatterien, nur zehn Zentimeter Platz haben, dass
erwiesen ist, dass das Aufsichtspersonal in Massentierhaltungsbetrieben die
Tiere absichtlich quält, und dass Lachse aus den Augen bluten, weil das Wasser
so dreckig ist, in dem sie gehalten werden?“
Ich lasse meine Leberwurststulle, auf der ich auch noch
einige Scheiben geräucherten Lachs gelegt habe, sinken. Jetzt lächelt meine
Freundin mich hämisch an, nimmt einen Biss von ihrem Bio-Käsebrot und schiebt
das böse Buch über den Frühstückstisch. Ich sitze noch lange am Tisch, vor mir
die angegessene Stulle und das Buch in seinem geschmackvollen grünen Einband. Soll
ich es wirklich lesen?
Schon der Titel ist ziemlich perfekt: „Tiere essen“.
Natürlich war mir immer klar, dass das Schnitzel irgendwann mal ein Schwein
war, aber man konnte das doch immer gut verdrängen, schließlich gibt es ja kein
Leberwursthamster oder Salami-Baguette-Rinder. Und der alte Streichkäse bei uns
im Kühlschrank lebt ja auch irgendwie. Aber ich glaube, die Burger-King-Werbung
von vor ein paar Jahren, als echte Kühe seitwärts umfielen und sich im
Umfallprozess zu echtem Burgerfleisch verwandelten, hatte keinen durchschlagenden
Erfolg und verschwand schnell wieder. Man sollte als Fleischesser lieber nicht
daran erinnert werden, dass auch aus unserer niedlichen, kleinen Katze
theoretisch ein saftiges Steak werden könnte.
Am Abend im Bett schlage ich das Buch dann doch auf. Werde
ich morgen Vegetarier sein, wenn ich das jetzt lese? Ich beginne das Vorwort zu
lesen, bis zu dem Satz: „Etwa 98 Prozent aller Hühner und Schweine, die für den
Verzehr bestimmt sind, stammen in Deutschland aus Massentierhaltung – das sind
über 500 Millionen Tiere im Jahr.“ Plötzlich bin ich sehr müde und muss das
Buch wieder aus der Hand legen.
In dieser Nacht träume ich, wie ich bei meinem
Dönerladen des Vertrauens am Dönerspieß hänge und der Dönermann diabolisch
grinsend auf mich zu kommt, in der Hand ein langes Dönermesser und schließlich beginnt
meine Haut abzuschaben. Ich schreie vor Schmerzen laut auf. Und da erkenne ich
auch das Gesicht des Dönermanns: Ich bin es selbst, der mich tötet.
Schweißgebadet wache ich auf. Ich schaue mich im
dunklen Zimmer um. Auf dem Nachtisch liegt das Safran Foer Buch. In der
Dunkelheit leuchtet es grün.
Am nächsten Morgen beiße ich trotzig von meiner Lachs-Leberwurststulle
ab. Neben mir liegt das böse Buch. Ich habe vorhin schon die Pressekommentare
auf der Rückseite gelesen. Besonders verstörend fand ich den Kommentar der
Frauenzeitschrift Brigitte[1]:
„Frauen mögen keine Männer, die Fleisch essen.“ Aber ich werde es auch ganz
lesen. Es kann doch nicht sein, dass ich als Pazifist und passionierter
Katzenbesitzer weiter bedenkenlos Fleisch esse. Ich könnte ja auch persönlich
selbst nie ein Tier töten. Außer vielleicht Spinnen. Spinnen sind ja auch
eigentlich gar keine richtigen Tiere, sondern eher so eine Art Aliens.
Aber ich muss das Buch ja nicht sofort lesen. Ich
schmiere mir noch eine Leberwurststulle und lege noch einige Scheiben Salami
und etwas Serrano-Schinken darauf. Auf ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht
mehr an. Schließlich sind die Tiere, die ich heute esse, ja schon längst tot
und werden auch nicht mehr lebendig, wenn ich jetzt sofort das Buch lese. So
komme ich bestimmt noch auf ein paar Tage Fleischkonsum. Und wenn ich einfach
das ganze abgelaufene und umdatierte Fleisch bei Real kaufe, schaffe ich
bestimmt noch mehrere Wochen.
Morgen fange ich an das Buch zu lesen, denke ich und
schaue es an, wie es grün schimmernd auf dem Tisch liegt. Morgen.
Epilog: Der Morgen
Ich stehe vor dem Dönerladen meines Vertrauens und
blicke lange den rotierenden braunen Fleischberg an. Der Dönermann mit seinem
freundlichen Schnurrbart lächelt mich an.
„Mein Freund“, sagt er, „jetzt du stehen schon zwei
Stunden hier und hast immer noch nichts bestellt. Willst du nicht Döner?“.
„Ich bin Vegetarier“, sage ich, denn inzwischen habe
ich das Buch gelesen. Jetzt ist eben doch noch morgen geworden. „Also, fast.
Aber so billiges Dönerfleisch esse ich ganz bestimmt nicht. Das kommt doch
alles aus Massentierhaltung, da haben die Tier ja nicht einmal einen Namen.“
„Bei mir alle Döner haben Namen“, sagt der Dönermann
und deutet auf eine eben fertiggestellte Dönertasche. „Der hier heißt zum
Beispiel Eberhard.“
„Und wie heißt die nette Falafel da hinten?“, frage
ich.
„Das ist Brigitte“, sagt der Dönermann. „Sehr gute
Wahl.“
[1] Warum
tragen eigentlich Frauenzeitschriften immer altdeutsche weibliche Vornamen -
Brigitte, Petra? Männerzeitschriften heißen dagegen GQ oder Playboy. Ich gründe
jetzt eine Männerzeitschrift, die Walter oder Eberhard heißt.


















