29. Mai 2012

Text: Morgen werde ich Vegetarier


Meine Freundin hat die Vegi-Bibel „Tiere Essen“ von Jonathan Safran Foer zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich glaube niemand hat dieses Buch jemals selbst gekauft. Es ist nur dafür geschrieben worden, damit es böse Menschen zum Geburtstag verschenken können, um damit das Leben ihrer Freunde zu ruinieren.
„Dieser blöde Safran Foer mit seinem bescheuerten Namen wird mich nicht überzeugen, Vegetarier zu werden, ich esse gerne Fleisch und das wird auch so bleiben“, sagt meine Freundin zu mir, als sie das Buch aufschlägt. Dann beginnt sie zu lesen. Am nächsten Tag ist sie Vegetarierin. Sie würde höchstens noch Fleisch von glücklichen Rindern oder Schweinen essen, die Namen wie Grunzi oder Eberhard tragen, eines natürlichen Todes gestorben sind, nach drei Wiederbelebungsversuchen von vier verschiedenen Veterinärärzten für endgültig Tod erklärt wurden und vorher bei vollem Bewusstsein eine Art Organspendeausweis für Tiere unterschrieben haben, dass Menschen sie unter Umständen essen dürfen, wenn ihr Leben davon abhinge.
„Isst du jetzt nur noch Safran-Reis, nach dem du das Safran-Foer-Buch gelesen hast“, frage ich meine Freundin und lächle sie hämisch an, als wir am reichhaltig mit Fleischspeisen gedeckten Frühstückstisch sitzen.
„Mein lieber Comedian-Freund“, sagt sie, „weißt du eigentlich, dass Hennen in Legebatterien, nur zehn Zentimeter Platz haben, dass erwiesen ist, dass das Aufsichtspersonal in Massentierhaltungsbetrieben die Tiere absichtlich quält, und dass Lachse aus den Augen bluten, weil das Wasser so dreckig ist, in dem sie gehalten werden?“
Ich lasse meine Leberwurststulle, auf der ich auch noch einige Scheiben geräucherten Lachs gelegt habe, sinken. Jetzt lächelt meine Freundin mich hämisch an, nimmt einen Biss von ihrem Bio-Käsebrot und schiebt das böse Buch über den Frühstückstisch. Ich sitze noch lange am Tisch, vor mir die angegessene Stulle und das Buch in seinem geschmackvollen grünen Einband. Soll ich es wirklich lesen?
Schon der Titel ist ziemlich perfekt: „Tiere essen“. Natürlich war mir immer klar, dass das Schnitzel irgendwann mal ein Schwein war, aber man konnte das doch immer gut verdrängen, schließlich gibt es ja kein Leberwursthamster oder Salami-Baguette-Rinder. Und der alte Streichkäse bei uns im Kühlschrank lebt ja auch irgendwie. Aber ich glaube, die Burger-King-Werbung von vor ein paar Jahren, als echte Kühe seitwärts umfielen und sich im Umfallprozess zu echtem Burgerfleisch verwandelten, hatte keinen durchschlagenden Erfolg und verschwand schnell wieder. Man sollte als Fleischesser lieber nicht daran erinnert werden, dass auch aus unserer niedlichen, kleinen Katze theoretisch ein saftiges Steak werden könnte.
Am Abend im Bett schlage ich das Buch dann doch auf. Werde ich morgen Vegetarier sein, wenn ich das jetzt lese? Ich beginne das Vorwort zu lesen, bis zu dem Satz: „Etwa 98 Prozent aller Hühner und Schweine, die für den Verzehr bestimmt sind, stammen in Deutschland aus Massentierhaltung – das sind über 500 Millionen Tiere im Jahr.“ Plötzlich bin ich sehr müde und muss das Buch wieder aus der Hand legen.
In dieser Nacht träume ich, wie ich bei meinem Dönerladen des Vertrauens am Dönerspieß hänge und der Dönermann diabolisch grinsend auf mich zu kommt, in der Hand ein langes Dönermesser und schließlich beginnt meine Haut abzuschaben. Ich schreie vor Schmerzen laut auf. Und da erkenne ich auch das Gesicht des Dönermanns: Ich bin es selbst, der mich tötet.
Schweißgebadet wache ich auf. Ich schaue mich im dunklen Zimmer um. Auf dem Nachtisch liegt das Safran Foer Buch. In der Dunkelheit leuchtet es grün.
Am nächsten Morgen beiße ich trotzig von meiner Lachs-Leberwurststulle ab. Neben mir liegt das böse Buch. Ich habe vorhin schon die Pressekommentare auf der Rückseite gelesen. Besonders verstörend fand ich den Kommentar der Frauenzeitschrift Brigitte[1]: „Frauen mögen keine Männer, die Fleisch essen.“ Aber ich werde es auch ganz lesen. Es kann doch nicht sein, dass ich als Pazifist und passionierter Katzenbesitzer weiter bedenkenlos Fleisch esse. Ich könnte ja auch persönlich selbst nie ein Tier töten. Außer vielleicht Spinnen. Spinnen sind ja auch eigentlich gar keine richtigen Tiere, sondern eher so eine Art Aliens.
Aber ich muss das Buch ja nicht sofort lesen. Ich schmiere mir noch eine Leberwurststulle und lege noch einige Scheiben Salami und etwas Serrano-Schinken darauf. Auf ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an. Schließlich sind die Tiere, die ich heute esse, ja schon längst tot und werden auch nicht mehr lebendig, wenn ich jetzt sofort das Buch lese. So komme ich bestimmt noch auf ein paar Tage Fleischkonsum. Und wenn ich einfach das ganze abgelaufene und umdatierte Fleisch bei Real kaufe, schaffe ich bestimmt noch mehrere Wochen.
Morgen fange ich an das Buch zu lesen, denke ich und schaue es an, wie es grün schimmernd auf dem Tisch liegt. Morgen.

Epilog: Der Morgen
Ich stehe vor dem Dönerladen meines Vertrauens und blicke lange den rotierenden braunen Fleischberg an. Der Dönermann mit seinem freundlichen Schnurrbart lächelt mich an.
„Mein Freund“, sagt er, „jetzt du stehen schon zwei Stunden hier und hast immer noch nichts bestellt. Willst du nicht Döner?“.
„Ich bin Vegetarier“, sage ich, denn inzwischen habe ich das Buch gelesen. Jetzt ist eben doch noch morgen geworden. „Also, fast. Aber so billiges Dönerfleisch esse ich ganz bestimmt nicht. Das kommt doch alles aus Massentierhaltung, da haben die Tier ja nicht einmal einen Namen.“
„Bei mir alle Döner haben Namen“, sagt der Dönermann und deutet auf eine eben fertiggestellte Dönertasche. „Der hier heißt zum Beispiel Eberhard.“
„Und wie heißt die nette Falafel da hinten?“, frage ich.
„Das ist Brigitte“, sagt der Dönermann. „Sehr gute Wahl.“



[1] Warum tragen eigentlich Frauenzeitschriften immer altdeutsche weibliche Vornamen - Brigitte, Petra? Männerzeitschriften heißen dagegen GQ oder Playboy. Ich gründe jetzt eine Männerzeitschrift, die Walter oder Eberhard heißt.

16. Mai 2012

Die Vergangenheit ist die bessere Zukunft



Gerade zufällig bei YouTube gefunden: Ich lese etwas wackelig in Dresden

9. Mai 2012

Schlafen #7



Mit der schönen Zeile:
"Vis-à-vis von meinem Fenster steht Sebastian in the rain."

7. Mai 2012

Never Forget

Die große Lesedünen-Tour ist vorbei. Es war sehr schön. Überall. Danke, dass Ihr so zahlreich zu uns gekommen seid!
Unser Tourende fällt übrigens mit dem Tourstart der geschätzten Kollegen von den Backstreet Boys zusammen, die gemeinsam mit New Kids On The Block Deutschlands Bühnen heimsuchen. Es wird also nicht langweilig.

Außerdem: HIER und HIER stehen schöne Kritiken zu unserem Lesedünen-Buch.


4. Mai 2012

Tour-Tagebuch #6

Day Off ist jetzt auch vorbei - heute geht's nach Frankfurt. Dort stellen wir im Rahmen des literaTurm Festivals unser Buch vor. Das Motto des Festivals ist übrigens "Lakonie und Leidenschaft". Ich finde das passt auch ganz gut zu uns... Leider ist aber Marc-Uwe nicht dabei. Dafür beehrt uns Elis von der Frankfurter "Lesebühne des Vertrauens".
Los geht's um 20 Uhr im Zoom Club in Frankfurt. Karten gibt's auch an der Abendkasse.

Hier noch Bilder vom Mittwoch in Hamburg. Letztes Jahr stand am Polittbüro noch "Kling & Co", dieses Mal aber unser Name:
























Sorgsam zusammengelegt: Unsere Schreib-, Spiel- und Leseutensilien nach der Show.

2. Mai 2012

Tour-Tagebuch #5

Der Sommer, der uns bis jetzt auf unserer Tour begleitet hat, scheint schon wieder vorbei zu sein. Und heute geht es auch in den hohen Norden nach Hamburg. Ab 20 Uhr reden und schweigen wir im legendären Polittbüro
Wer schon immer wissen wollte, wie es hinter der Bühne im Backstage der Lesedüne aussieht. Wir haben keine Geheimnisse:




















Es ist Licht am Ende des Tunnels (hier symbolisch dargestellt von einem Hotelflur). Nur noch zwei Termine, dann ist die Tour auch schon vorbei. Schade eigentlich! Am Freitag lesen wir noch im Frankfurter Zoom Club.


1. Mai 2012

Tour-Tagebuch #4

Zum ersten Mal haben wir gestern in der Centralstation in Darmstadt gespielt. Da gab es sogar einen 100 Jahre alten Flügel! Nach der Show entspannten wir uns dann noch im Hotelpool. Bis dann Maik den Fernseher reingeworfen hat...
Und heute dann am Tag der Arbeit in Düsseldorf im wunderbaren Zakk. Es gibt auch noch Karten an der Abendkasse! Mal sehen, ob wir ein paar Bücher ins Publikum werfen, wenn wir schon nicht in Kreuzberg sein können und dort wie jedes Jahr sonst immer Steine werfen... Es wird viel geworfen bei uns.





























30. April 2012

Tour-Tagebuch #3

Überall hängen wir....

























und dann volles Haus in Mainz...

























mit Julius' und Marc-Uwes Impro-Lied "Der alte Wassily", inspiriert von den neuen kulinarischen Trends in deutschen Innenstädten:

























UND HEUTE: DARMSTADT... UM 19.30 UHR IN DER CENTRALSTATION. KARTEN GIBTS NOCH AN DER ABENDKASSE.

28. April 2012

Tour Tagebuch #2

Gestern der tolle Tourauftakt in der tollen Schauburg im ebenfalls tollen Dresden. Yeah. Die Schauburg ist ein altes Kino und Julius am Grand Piano macht schon was her. Marc-Uwe natürlich auch. Dafür ist die Gitarre etwas kleiner.




















Heute ist dann Sommer und dreiviertel der Lesedüne genießen das außerordentliche Frühstück (naja, Mittagessen) in der Dresdner Scheue. Vor allem unser Gourmet Maik Y., der schon zu dieser frühen Stunde Birne in Rotwein verköstigt (siehe Abb. 3).
Und heute Abend dann Leipzig.... Restkarten gibt es noch an der Abendkasse... vielleicht.


























25. April 2012

Tour-Tagebuch #1

Übermorgen im schönen Dresden geht es los: Wir, also die Lesedüne, gehen auf große Tour, bereisen Deutschland und stellen unser Buch Über Wachen und Schlafen in den Arenen des Landes vor. Und alles unter dem viel sagenden Titel: Über Reden und Schweigen. Außer Reden und Schweigen wird es auch special features geben, wie zum Beispiel: Artistik. Wir freuen uns schon sehr.
Hier werden dann wieder die Auftritte und alles andere drumherum im Tour-Tagebuch nachbesprochen. Mit Fotos. Und Artistik.

Hier noch mal die Termine:

27.04. / Schauburg / Dresden
28.04. / Moritzbastei / Leipzig
29.04. / Unterhaus / Mainz
30.04. / Centralstation / Darmstadt
01.05. / Zakk / Düsseldorf
02.05. / Polittbüro / Hamburg
04.05. / Zoom Club / Frankfurt

Voll Metalbandmäßig. Rock'n'Roll auf Tour. Nächstes Jahr auch bei Rock am Ring. (Foto: Nina Mallmann)

16. April 2012

Text: Was gesagt werden muss


Atmosphärische Berlin-Reportage aus der Sicht eines Journalisten der Kaiserlichen Zeitung („KZ“) aus München, herausgegeben von Franz Beckenbauer.

Was gesagt werden muss


Es regnet in Kreuzberg. Wie immer. Der Himmel weint auf betrunkene Punks, die längst hinter Gitter sitzen sollen, ihre Haare abrasiert und als Faschings-Perücken verkauft. Ostdeutsche Harz-4-Familien, finanziert von unserem florierenden Freistaat, schleppen Tiefkühlpizzen umher, selbst die Kinder rauchen, wenn sie nicht gerade Kleber schnüffeln – es scheint ihnen in den Genen zu liegen.
Allerorten trostlose und verdreckte Brachflächen, für die sich nie ein Investor interessieren wird. Und wenn dann mal unsere erfolgreichen Manager von BMW kommen, werden sie gleich von gewaltbereiten linken Terror-Brandstiftern bedroht und verjagt, die armen Autobauer. Dabei meinen sie es doch nur gut.
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist? Berlin-Kreuzberg bedroht den Weltfrieden.
Die Kreuzberger Straßen sind gepflastert mit im fahlen Licht glänzenden Kronkorken und Glassplitter unzähliger Bierflaschen – das einzige, was hier noch leuchtet. Die hedonistische Berliner Partyjugend feiert aber die Nächte durch, als gebe es kein Morgen. Und wirklich gibt es für sie keine Zukunft. Nur noch Alkohol und Drogen schaffen kurze, aber trügerische Ablenkung. Das muss einfach mal gesagt werden.
Regiert wird diese zurückgebliebene Stadt seit Ewigkeiten von einem Junggesellen – da wundert einem auch gar nichts mehr. So etwas gibt es nicht bei uns im moralischen Bayern, da hat der Ministerpräsident auch gerne gleich zwei Familien.
Die Türken, ja, die gibt es natürlich auch noch, geschäftstüchtig sind sie, im Gegensatz zu den mutlosen Einheimischen, aber Deutsch sprechen sie natürlich alle nicht. Als der Autor dieser Zeilen, im folgenden ich genannt, eine „zünftge Fleischkäs’semmeln“ bei einem türkischen Imbissstand bestellt, schauen ihn nur große, ausdruckslose Augen an.
„Wie bitte? Ich habe Sie leider nicht verstanden. Wären Sie so nett und wiederholten ihren Wunsch noch einmal?“, fragt der dümmliche Migrant.
„A züftge Fleischkäs’semmln jetza!“, rufe ich noch einmal, aber die Türken wenden sich nur kopfschüttelnd ab.
Den einzigen fähigen Politiker haben sie hier in Berlin verjagt, den guten Sarrazin. Der hat endlich mal ausgesprochen, was sich sonst keiner traut, aber alle meinen. Und das muss man auch mal sagen, dass man mal sagen muss, dass man das mal sagen sollte. Finde ich. „Ausländer raus“, skandieren sie jetzt in Kreuzberg und meinen die spanischen Touristen und nicht die richtigen Ausländer. Dabei bringen die Spanier wenigstens ein wenig Kapital in die deutsche Hauptstadt. Die Neonazis sind natürlich auch ein Problem in Berlin. Frei rumlaufende Rechtsradikale gibt zum Glück bei uns in Bayern nicht, schließlich sitzen die alle für die CSU im Parlament.
Ich mache mich auf, mein Haus, das ich günstig nach der Wende in der Friedrichshainer Liebigstraße erworben habe, aufzusuchen. Ich finde es vollkommen runtergekommen, die Türen verrammelt und von langhaarigen Bombenlegern besetzt. Ich begehre Einlass, aber ein Jugendlicher mit sogenannter Rastafari-Frisur und einer Marihuana-Zigarette im Mundwinkel, verwehrt mir den Eintritt.
Um mich zu beruhigen nehme ich eine kräftige Brise Schnupftabak, den ich immer mit etwas Schwabinger Koks mische, aber in diesem Moment werde ich fast von mehreren Gummigeschossen der Polizei, die mal wieder ein besetztes Haus räumen, getroffen, und falle in Ohnmacht.
Als ich wieder aufwache, liege auf der Couch in meiner Villa am Starnberger See. Meine zwei Frauen tupfen mir mit einem feuchten Tuch die Stirn. Aber ich kann hier nicht liegen und nichts tun: Ich kann nicht länger schweigen, zu dem was offensichtlich ist! Mit letzter Tinte beginne ich zu schreiben... aber dann fällt mir nicht mehr ein, was.

10. April 2012

Südblock/Braunschweig

Am Montag fand die erste Lesedüne im Südblock statt. Es war sehr schön. Ähnlicher Blick wie aus dem Monarch: direkt aufs Kotti, nur von der anderen Seite und weiter unten. So sieht der Südblock von der U-Bahn-Station aus:





















Am Freitag bin ich sog. "Stargast" beim Poetry Slam in Braunschweig. Yeah. Hier das lustige Poster dazu. Das bin ich. Besonders schön: die Augenringe. 


28. März 2012

Bestes Zitat diese Woche

"Die Ideologien des Marxismus, wie sie konzipiert wurden, entsprechen nicht mehr der Realität“

Papst Ratzinger, der dagegen aber keinen Sex vor der Ehe, keine Gleichberechtigung und keine Kondome noch total zeitgemäß findet.



20. März 2012

Text: Ich bereue nichts

1
Vor vielen Jahren, als die Welt noch in Ordnung schien und meine Zukunft weit und offen vor mir lag wie die südwestdeutsche Rheinebene, aus der ich stamme, galt es ein geeignetes Studienfach für mich zu finden. Leider waren meine Abiturnoten nur in den sogennanten Taxifahrer-Fächern Deutsch und Geschichte einigermaßen befriedigend. Meine Eltern, die es immer gut mit mir meinten, nahmen mich also beiseite, als ich gerade mal wieder besoffen von einer Post-Abifeier schnarchend in ihrem Wohnzimmer auf dem Boden lag. Meine bösartigen Freunde hatten mir einen riesigen Penis auf die Wange gemalt, aber meine Eltern ließen sich nicht beirren und sprachen: „Sohn, wir haben uns da mal Gedanken gemacht und wir glauben, du solltest...“, hier machten sie eine Kunstpause, um die Wirkung ihrer nun folgenden Worte zu erhöhen: „Sebastian, du solltest auf Lehramt studieren.“
Sofort war ich hellwach und sprang auf.
„Nein“, rief ich, „ich werde nicht auf Lehramt studieren. Nie, nie, werde ich Lehrer werden, denn ich hasse die Schule – egal auf welcher Seite des Klassenzimmers ich stehe.“
„Lieber Sohn, überlege es dir doch noch einmal“, sagten meine verständnisvollen Eltern. „Sonst finanzieren wir dir eben nicht dein Studium und du musst Taxifahrer werden wie dein armer Vater.“
Auch andere Mitmenschen waren der Meinung, ich sollte mich für den Lehrerberuf entscheiden:
„Studier doch auf Lehramt, Sebastian“, sagten meine jüngeren Geschwister. „Dann verdienst du viel Geld und wir brauchen nicht zu arbeiten, weil du uns durchfüttern kannst.“
„Studier doch auf Lehramt, Sebastian“, sagte die Verwandten. „Dann hast du immer Ferien. Das passt doch, du bist ja auch sehr faul.“
„Studier doch auf Lehramt, Sebastian“, sagten auch meine Freunde. „Dann machen sich deine Schüler die ganze Zeit über dich lustig. Das bist du ja ohnehin gewohnt, denn wir machen uns ja auch die ganze Zeit über dich lustig.“
„Studier doch auf Lehramt, Sebastian“, sagten wildfremde Leute, die ich auf der Straße fragte, was sie so dazu meinen.
Aber ich habe immer „Nein“ gesagt. „Ich werde nicht auf Lehramt studieren. Ich hasse die Schule einfach zu sehr. Außerdem muss man so früh aufstehen.“
Da haben meine Freunde und Verwandten gesagt, ich werde es wohl im Leben nie zu etwas bringen. Außerdem wäre es doch toll, der jungen Generation etwas auf ihren Lebensweg mitzugeben. Ich dagegen wäre ein asoziales Kapitalisten-Arschloch, das nur auf sein eigenes Wohl bedacht sei. Schließlich haben alle meine damaligen Freunde auf Lehramt studiert. Und zwar immer Deutsch und Biologie. Inzwischen wird wohl nur noch Deutsch und Biologie an deutschen Schulen unterrichtet, weil es keine anderen Lehrer mehr gibt.

2
Viele Jahre sind seitdem ins Land gegeangen. Ich habe den Kontakt zu meinen Freunden – und auch zu meinen Eltern – leider verloren, da treffe ich zufällig einen alten Freund von mir. Er stand am Straßenrand und ich nahm ihn in meinem Taxi mit. Er erkennt mich sofort und beginnt zu erzählen, wie es ihm in den letzten Jahren so ergangen sei: „Es ist so furchtbar, diese Assi-Kinder an den Berliner Schulen, die können ja in der fünften Klasse noch nicht mal lesen, so dumm sind die. Dabei wollte ich doch mit denen den ‚Zauberberg’ von Thomas Mann durchnehmen.“
Ich bereue nichts, denke ich.
„Und in Bio ist es noch schlimmer“, redet der alte Freund einfach weiter. „Statt Sexualkunde schauen die sich doch lieber einen Pferde-Gang-Bang auf Youporn an – bei dem sie selbst mitgemacht haben.“
Ich bereue nichts, denke ich. Ich fahre doch eigentlich ganz gerne Taxi.
„Und die Namen von diesen dummen Kindern sind auch schon so dumm“, ruft der Freund, jetzt schon fast den Tränen nahe. „Die heißen alle Kevin oder Tabea oder Franklin. Und die Türken-Namen kann man sich gar nicht merken, deswegen nenn ich die alle einfach Heinrich.“
Ich bereue nichts, denke ich. Autofahren und Geld dafür bekommen, das ist doch toll.
„Ich gebe denen allen einfach ne Vier“, ruft der alte Freund von der Rückbank direkt in mein Ohr. „Sonst zünden die nur mein Auto an. Außer die Heinriche, die kriegen ne Fünf.“
Ich bereue nichts, denke ich. Meine Seele ist rein.
„Und statt Thomas Mann lesen wir jetzt den Sarrazin in Deutsch“, schreit der alte Freund mit Schaum vor dem Mund. „Damit die Heinriche gleich von Anfang an lernen, wer hier im Land das Sagen hat!“
„Moment“, sage ich, „das kann man jetzt so doch nicht sagen.“
„Doch“, schreit der alte Freund und bricht auf dem Rücksitz zusammen.
Ich fahre mit dem Taxi an den Straßenrand und hieve den bewusstlosen Körper auf den Gehweg. Leider bin ich gerade im Wedding und einige Jugendliche mit Migrationshintergrund werden sofort auf den schlaffen Körper meines alten Freundes aufmerksam. Sie scheinen ihn zu kennen. Das sind wohl welche von den Heinrichen, denke ich. Als ich die scharfen Butterfly-Messer in ihrem Händen aufblitzen sehe, steige ich schnell wieder in mein Taxi und fahre weg. Ich bereue nichts.

16. März 2012

Herrndorf

Ich war ja etwas überrascht, als ich las, dass Wolfgang Herrndorf für sein tolles Buch "Sand" den Leipziger Buchpreis bekommt. Die Preisvergabe für literarische Werke sind in Deutschland ja immer etwas seltsam. Ausgezeichnet werden doch immer eher die biederen Feuilleton-Lieblinge und die wirklich interessanten, wichtigen und auch ziemlich erfolgreichen zeitgenössischen Autoren wie etwa Rainhald Goetz oder Christian Kracht, werden einfach ignoriert. Na ja, da ist es doch schön, wenn einer wie Herrndorf, der im Prinzip nur gute Bücher geschrieben hat (das bekannteste ist natürlich "Tschick"), so einen Preis bekommt. Schließlich wird er ja auch gerne dem so gehassten Genre "Popliteratur" zugerechnet. Übrigens schreibt Herrndorf auch einen sehr schönen, aber vor allem ziemlich traurigen Blog über seine Krebserkrankung.





















Am Sonntag bin ich mit der Lesedüne auch auf der Buchmesse in Leipzig. Abends zum Beispiel in der schönen UT Connewitz...

8. März 2012

Perfide

Facebook & Co. wollen anscheinend ihr mieses Image etwas aufbessern (und Facebook wohl vor allem seine komische Chronic) und alle Blogger fallen drauf rein und posten ein perfides Werbevideo. Angeblich geht es über den wirklich bösen Kriegsverbrecher Joseph Kony in Afrika, aber oft genug sieht man im Video die schönen Websites und Logos von Facebook, YouTube, Twitter usw. Dass mit dem Film nicht wirklich die Welt gerettet werden soll, legen auch die Hinweise über die dubiose Organisation hinter dem Video nahe.

24. Februar 2012

Das Lesedünenbuch

Ab heute kann man unser Lesedünenbuch Über Wachen und Schlafen kaufen. HIER und direkt bei unserem Verlag Voland & Quist
Von mir sind endlich auch Texte aus meiner Jugendkulturen-Reihe zu lesen. Außerdem Die Zeit, Weihnachtsgeschenke für die Eltern, Schlafen und viele mehr.

Auch bei mir sind schon einige formschöne Exemplare eingetroffen:

Und es ist nicht nur ein Buch, sondern auch ein Tonträger. Auf der beiliegenden CD gibt's Team- und Einzeltexte von uns allen.